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  1. M$ OOXML
  1. M$ OOXML

    Sat, 05 Apr 2008 08:16:50 GMT

    Das Microsoftsche Konkurrenzprodukt zu (kurz: ODF), (OOXML), ist durch ISO als internationaler Standard zertifiziert worden. Neben heftiger Kritik daran gibt es auch ein paar (wenige) positive Punkte dabei.
    Der wesentliche positive Punkt ist, dass das Office-Format, das wohl noch für einige Zeit das am meisten genutzte und verbreitete Format sein wird, endlich offen gelegt ist. Dies bedeutet zweierlei: Erstens kann nun Jeder ein Office-Programm oder einen Importfilter schreiben, das OOXML lesen kann. Einer der wesentlichen Kritikpunkte der Vergangenheit war ja, dass MS Word Dokumente älteren Datums nicht mehr lesbar sind, oder dass bei Dokumenten in diesem Format die Gefahr besteht, dass sie irgendwann nicht mehr lesbar sein werden. Auch eine Firma Microsoft ist nicht für die Ewigkeit gemacht. Irgendwann wird es diese Firma nicht mehr geben. Wäre das Microsoftsche Dateiformat weiterhin eine Microsoftsche Geheimwissenschaft, wären dann alle Dokumente verloren. Das mag vielleicht bei einem privaten Memo irrelevant sein, aber es gibt genügend Dokumente, bei denen ein Verlust eine Katastrofe wäre. Die Offenlegung schafft hier also Sicherheit.
    Dazu kommt, dass Microsoft nun nicht mehr das Format von Version zu Version ändern kann. Ein Dokument, das in der jeweils neuesten Version der Microsoft Office Programme erstellt wurde, wird in Zukunft auch von älteren Versionen dieser Programme lesbar sein. Bislang ist das ja absolut nicht der Fall. Dokumente älteren Formats können zwar von der neuesten Version gelesen und importiert werden, umgekehrt geht dies jedoch nicht. Erstelle ich also beispielsweise ein Dokument unter Windows Vista und dem dazu gehörenden MS Word, so ist dieses Dokument vermutlich in Windows XP nicht lesbar. Schicke ich also beispielsweise meine Bewerbung in diesem Format an einen zukünftigen Arbeitgeber, so erhält dieser nur Datenmüll. Die Chancen auf eine Anstellung fallen ins Bodenlose. Dies soll nun, dank des standardisierten Formats, in Zukunft anders sein.
    So weit die Theorie. Aber wie so oft im Leben, in der Praxis ist die Theorie immer anders. Oder, wie mein Großvater zu sagen pflegte: Die Theorie ist Marx, die Praxis ist Murks. Die Spezifikationen für das neue Format belaufen sich auf sage und schreibe monströse 6000 (in Worten: Sechstausend) Seiten. Wer soll da noch durchblicken? Microsoft vielleicht? Wenn ich daran denke, wie klein und handlich dagegen zum Beispiel die CSS Spezifikationen des W3C sind, und wie mangelhanft Microsoft diese umgesetzt hat, dann frage ich mich, ob die Microsoft Office Produkte diesen Standard jemals fehlerfrei umsetzen werden. Und dank des monströsen Umfangs dieser Spezifikation wird man Ungereimtheiten hier nur schwer feststellen können. Eine Fehlerbereinigung wird also nur langsam und schleppend stattfinden. Dazu kommt, dass Fehlerbereinigungen dazu führen werden, dass Dokumente in verschiedenen Office Versionen zwar gelesen werden können, aber nicht gleich aussehen werden. Diesen Effekt kennt man ja hinlänglich von Internet Explorer, der wesentlich einfachere und kürzere Spezifikationen noch immer nicht fehlerfrei umgesetzt hat. Internetseiten, die im IE5 ordentlich aussehen, sehen im IE7 ganz anders aus. Genau den gleichen Murks werden wir bei den Office Paketen ebenfalls zu sehen bekommen. So gesehen ist die Standardisierung zwar schön, aber in der Praxis werden wir kaum von einem Standard ausgehen können.
    Dazu kommt, dass sich Microsoft hier einen unfairen Zeitvorsprung erschlichen hat. Allerdings vermute ich, dass die OpenSource Gemeinde nach einiger Zeit die OOXML Formate besser und standardkonformer verarbeiten können wird, als Microsoft. Die Entwicklung des Firefox hat dies vorgemacht.
    Dazu kommt, dass Microsoft hier, technisch gesehen, einen Kardinalfehler begangen hat. Für viele Teilbereiche gibt es bereits etablierte Spezifikationen (MathML, SVG, ...). Diese nicht zu verwenden, sondern das Rad komplett neu zu erfinden, verstößt gegen alle Entwicklererfahrungen. Aus geschäftlicher Sicht wird dies wohl der Versuch sein, die eigenen Vorgehensweisen der Welt zwangsweise aufzudrücken, wie Microsoft das ja bereits mehrfach versucht und teilweise auch geschafft hat. Aus technischer Sicht ist aber diese Vorgehensweise einfach nur dumm. Das, was bereits erarbeitet wurde, was i nder Praxis evaluiert wurde, was seit einiger Zeit fehlerfrei ist, das Alles zu ignorieren und das Rad neu zu erfinden, ist keine gute Vorgehensweise.
    Microsoft hat sich also, anstatt sich an den internationalen Bemühungen um Standardisierung zu beteiligen, darüber hinweggesetzt und versucht, der Welt die hauseigenen Standards aufzudrücken. Dadurch ist es zu einer grundlegenden Spaltung der Standards gekommen. Schön, Konkurrenz belebt das Geschäft. Wir werden sehen, was sich letzendlich durchsetzen wird: Microsoft durch Masse oder Open Source durch Klasse.