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Die Ritter der Schwafelrunde

Wed, 01 Oct 2008 20:58:41 +0200

Unter diesem sehr passenden Titel gibt es in der Karrierebibel einen Artikel über "Besprechungen", neu-denglisch auch "Meeting" genannt. Meiner Meinung nach sind diese Besprechungen, mit wenigen Ausnamen, so wichtig wie ein Kropf. Es wird geschwafelt und theoretisiert, was das zeug hält. Und es werden Zeitpläne gemacht und MS Project wird gemästet. Und wozu? Nur, damit in der Realität hinterher doch Alles ganz anders wird.

Diese großen Besprechungen sind Ausdruck einer zentralistischen Kultur. Hier soll Alles fein säuberlich von oben dirigiert und kontrolliert einen überschaubaren und vorhersagbaren Weg gehen. Meiner Meinung nach ist das bereits bei einer minimalen Komplexität ein aussichtsloses Unterfangen.

Ich bin Softwareentwickler. Ich entwickle meine Software nicht zentralistisch, sondern nach dem Konzept der selbstorganisierenden autonomen Zellen. Meiner Erfahrung nach funktioniert das hervorragend, und man kann damit beliebig komplexe Dinge in den Griff bekommen. Dabei bedeutet "autonome Zellen" natürlich nicht, dass diese isoliert vor sich hin wurschteln. Im Gegenteil, jede Zelle muss intensiv mit den Nachbarzellen kommunizieren. Ansonsten funktioniert die Selbstorganisation nicht. Darüber hinaus ist jede Zelle so angelegt, dass sie mit minimalen Resourcen auskommt. "Machtgierige" Zellen gibt es nicht. Und so entsteht von ganz alleine ein System beliebiger Komplexität, bei dem die einzelnen Zellen noch immer überschaubar und einfach bleiben. Es bedarf keiner zentralen Kontrollinstanz, die ja naturgemäß die gesamte Komplexität überblicken müsste. Und auch das Argument, dass eine zentrale Kontrollinstanz ja vereinfachte und aufbereitete Informationen hierarchisch untergeordneter Kontrollinstanzen bekommt und nur diese überblicken muss, zieht nicht. Denn mit jeder dieser Hierarchieebenen gehen möglicherweise wichtige Informationsdetails verloren. Je tiefer die Hierarchie ist, um so größer ist die Gefahr.

Das ist auch auf menschliche Systeme übertragbar. Nur, dass es da noch viel schlimmer ist. Dort gehen auf dem Weg durch die Hierarchien nicht nur Informationen verloren. Es werden auch Informationen hinzuerfunden, je nach Interessenlage der jeweiligen Kontrollinstanz. Die absolute Realitästferne der obersten Kontrollinstanzen ist überhaupt kein Wunder, sondern ist schlicht unvermeidlich.

Auch das System der selbstorganisierenden autonomen Zellen ist teilweise auf menschliche Systeme übertragbar. Hier gibt es allerdings eine Schwachstelle: "Machtgierige" Zellen gibt es hier, und zwar gehäuft. Sei es ein einzelner Mitarbeiter oder eine ganze Abteilung, die angeblich wichtiger ist als alle anderen. Dies ist leider nur all zu menschlich und kaum in den Griff zu bekommen. Aber meiner Meinung nach immer noch besser als das zentral gesteuerte System, das eben nun mal systeminhärent unzulänglich ist.

Ein sinnvolles und nützliches Gepräch findet i.d.R. zwischen zwei oder drei Menschen statt.


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