Das ganz normale Chaos, täglich frisch auf den Tisch. Direkt aus der hintersten Provinz in die Metropolen von Groß-Blogistan.


Tag der ... äh, was?

Fri, 03 Oct 2008 16:50:05 +0200

Ich glaube, ich werde alt. Klar, mein Faktenwissen über die DDR ist nicht so groß wie das von einem Lexikon. Trotzdem ist mir die DDR immer noch gegenwärtig.

Ich bin in dieser DDR geboren, in Ost-Berlin. Meine Eltern waren so klug, vorauszusehen, wie es laufen würde, und sind kurz vor dem Mauerbau in den Westen "abgehauen". Mein Vater war damals Lehrer in der DDR. Und man hatte von ihm als Lehrer verlangt, Werbung für die NVA zu machen. Aus den Erfahrungen des zweiten Weltkriegs heraus ist mein Vater überzeugter Pazifist. Also war (und ist) diese Forderung absurd. Folgerichtig hat er seiner Verwaltung einen "netten" Brief geschrieben und hat sich abgesetzt. Meine Mutter ist ein paar Tage danach mit mir hinterhergekommen. Zu der Zeit tönte Ulbrich noch: Eine Mauer? Wer will eine Mauer bauen? Wir nicht! Kurz darauf begann Ulbrich die Mauer zu bauen.

Dadurch, dass ein Teil der Verwandschaft zu spät reagierte, und ein anderer Teil 150%ige Kommunisten waren, blieb also ein Teil der Verwandschaft "drüben". Dadurch war zeitlebens die DDR ein Teil meiner Realität.

Als es ans Heiraten ging, musste ich nach Ost-Berlin, um meine Papiere zu holen. Das lief auch so weit problemlos. Aufgefallen war mir, dass die Beamten dort so gut wie alle reichlich verbiestert waren. Fürchterlich verkniffene Gestalten, die Alles und Jeden als ihren persönlichen Feind ansahen. Die Nicht-Beamten "drüben" waren hingegen freundlich, aufgeschlossen und hilfsbereit. Wesentlich offener als die "Westler" damals.

Zu der Zeit, als dann die Mauer fiel, war ich nicht dabei. So viel Geld habe ich nicht, dass ich mal eben aus dem Odenwald nach Berlin reisen kann, um mir Geschichte anzusehen. Aber in den Medien verfolgt habe ich es. Und ich habe die letzten Tage der DDR-Regierung erlebt. Hans Modrow, dessen Aufgabe als letzter Regierungschef es war, sich selbst überflüssig zu machen. Dieser Mann hat bis heute meinen Respekt!

Genauso meinen Respekt haben die Menschen aus dem Osten, die damals auf die Straße gegangen sind mit dem Ruf wir sind das Volk!. Viele, die heute im Osten "groß" sind, waren damals nicht mit dabei, auf der Straße. Einer davon sperrte damals seine Kirche zu, damit die Demonstranten nicht etwa dort Schutz suchen könnten. Und die meisten Derjenigen, die damals auf die Straße gingen, und denen wir die Einheit zu verdanken haben, sind heute so bedeutungslos wie Du und ich. Das ist Geschichte. Kohl, der "Kanzler der Einheit", hatte mit der Wiedervereinigung grade mal so viel zu tun, als dass er damals eben zufällig Bundeskanzler war, und in Folge dessen der erste gesamtdeutsche Bundeskanzler wurde. Gorbatschov und Genscher waren vielleicht die einzigen Politiker, der aktiv zu dieser Wiedervereinigung beitrugen. Inwieweit aus Weitsicht oder inwieweit durch die Notwendigkeiten getrieben, weiss ich nicht.

Willi Brandt erlebte noch, was er mit den Ostverträgen eingeleitet hatte. Nicht mehr wirklich erlebt hatte es sein alter Weggefährte Wehner. Der einst brilliante Redner und Erzfeind von Strauss war demenzkrank und hat es vermutlich nicht mehr verstanden, als Brand ihm die freudige Nachricht überbrachte.

Ach ja, und das weiss ich noch: Als das Volk endlich die Reisefreiheit erlangt hatte, also nicht mehr in einem großen Gefängnis eingesperrt war, und man begann, laut über eine Wiedervereinigung nachzudenken, da traten die bekannten Deutschen Bedenkenträger auf den Plan. Lafontaine z.B. warnte damals vor einer zu schnellen Vereinigung. Von der Sache her gesehen hatte er Recht. Die Probleme, die er kommen sah, sind auch voll und ganz eingetreten. Aber damals ist Etwas passiert, das wohl nur ganz selten vorkommt: Das Volk setzte sich gegenüber den Politikern durch. Nun ja, so ein Unfall wird ganz bestimmt nicht wieder vorkommen, da sorgt unsere Regierung schon dafür.

Was mir sonst noch so in Erinnerung ist? Nun ja, viele kleine Einzelheiten. So zum Beispiel der Trabbi-Rennfahrer, der sich bei Erhalt der Nachricht in seinen Renntrabbi setzte und mit zweihundertsounsoviel Sachen gen Freiheit raste. Man erinnere sich: Der Trabbi (Trabant) war das Einheitsauto der DDR Normalbevölkerung. Und er hieß "Trabbi", weil, wenn er schneller gewesen wäre, hätte er "Galoppi" geheißen. Und dann dieser Rennfahrer mit seiner Rennsemmel, das hatte schon was. Das nenne ich Stil.

Und dann erinnere ich mich an einen Witz aus der DDR, noch aus den Zeiten Ulbrichs: Dessen Konterfei war nämlich auf der DDR Staatsflagge mit drauf. Glaubst Du nicht? Musst Du hingucken: Die kleine Niete, die den Zirkel zusammenhält.


2 Kommentare

  • Habe mir erlaubt, ungefragt Deinen Beitrag zum Tag der Deutschen Einheit zu verlinken - fand ich nämlich sehr interessant! [http://charisma1.blog.de/2008/10/02/wichtiger-feiertag-4809752] Falls Du Einwände hast, maile mir bitte. Ansonsten hoffe ich, es geht Dir gut (den Umständen entsprechend, heißt es so treffend ) und Dein Projekt ist erfolgreich, damit die €'s aufs Konto fließen ...
  • Ich freue mich drüber! Es kommt selten vor, dass mein Blog verlinkt wird. Du kannst also jederzeit und ungefragt verlinken.

    Danke der Nachfrage. Ja, dem Projekt geht es recht gut. Ich werde es bald abschließen können, und dann gibt's endlich Geld. Rechtzeitig zu Weihnachten.