Das ganz normale Chaos, täglich frisch auf den Tisch. Direkt aus der hintersten Provinz in die Metropolen von Groß-Blogistan.


Digital gespaltener Silver Surfer

Wed, 08 Oct 2008 17:37:17 +0200

So jung und knackig wie auf meinem Bild hier bin ich inzwischen nicht mehr. Heute bin ich nur noch "und". Zwar noch nicht ganz grau, aber die grauen Haare spriessen bereits munter. Und die ersten Alterszipperlein wie meine bereits gelegentlich beklagte Sehschwäche machen sich bemerkbar.

Nach dem Artikel bei Wortgefecht müsste ich (Geburtsjahr 1957) bereits internetmäßig zu den hoffnungslos draussen gebliebenen zählen. Zum Glück habe ich noch nie viel von Statistik gehalten, habe mich bereits in der Schule mit Computern befasst (noch zu Zeiten der Großrechner). Und auch heute befasse ich mich gerne mit aktuellen IT Themen. Als Vorteil gegenüber den heutigen IT-Kids habe ich meine lange Erfahrung. Wer ausser mir bastelt denn sein Blog selbst? Das dürften nur sehr Wenige sein. Und von den Kids wahrscheinlich so gut wie Keiner. Beruflich entwickle ich Software für den Maschinenbau. Dabei habe ich auf unterster Ebene mit Bits und Bytes und mit Ports, Protokollen und Schnittstellen zu tun. Privat befasse ich mich mit XML und Allem, was so im Umfeld dazu gehört, und mit Webdesign. Liux-Administration und Sicherheitsthemen runden das Portfolio ab. Alles in Allem eine ganz ordentliche Bandbreite.

Bin ich nun die große Ausnahme? Naja, ich weiss nicht. Auf der einen Seite gibt es in meinem Bekanntenkreis welche, die oft sogar jünger sind als ich, und die nicht wissen, was ein Blog ist. Auf der anderen Seite sind da z.B. meine Eltern, die sich noch mit 70 Jahren an die Entdeckung der IT gemacht haben. Allerdings hat meine Mutter auch mit über 60 noch ihren Führerschein gemacht, was auch nicht gerade sehr üblich ist.

Die digitale Spaltung gibt es also wohl. Aber die Grenze einfach bei den vor 1870 und nach 1980 Geborenen zu ziehen, ist deutlich zu einfach und oft genug unzutreffend. Und wie sieht das mit dem Wohnort aus? Ich lebe und wohne in einer ländlichen Gegend. Das war und ist meine freie Wahl. Ich mag Städte nicht besonders, und Großstädte gar nicht. Die einzige mir bekannte Ausnahme ist Rio de Janeiro, wo ich 2 Jahre lang gelebt habe. Aber ich ziehe Vogelgezwitscher und das Rauschen des Windes in den Bäumen dem Autolärm vor. Ich habe hier einen "Breitbandanschluss". Wenn auch nur mal grade so. Mein DSL-Anschluss hat sage und schreibe eine Downstream-Rate von ganzen 1MBit/s, was mir aber eigentlich reicht. Gewisse tolle Errungenschaften des modernen Internets können mir gerne gestohlen bleiben. Ständige Video-Berieselung? Das Fernsehprogramm ist schon schlecht genug, da brauche ich nicht auch noch Internetvideo obendrauf. Musikgedudel übers Internet? Naja, mein Musikgeschmack ist eher - unkonventionell. Aber immerhin gibt es im Internet gelegentlich Musik, die mir gefällt. Und Radio über die 1MBit Leitung, das geht noch.

Wer allerdings an seinem Wohnort gar keine DSL Leitung hat, der ist echt angeschissen. Gut, früher habe ich auch über ISDN gesurft. Die Zeittarife waren schrecklich: Andauernd hat man auf die Uhr geschielt und die Leitung sehr schnell wieder gekappt. Die Volumentarife waren da schon ein gewaltiges Plus. Wenn das Surfen über ISDN preislich der DSL-Leitung angenähert würde oder gar geringfügig billiger wäre, wäre diesen armen Menschen schon gewaltig geholfen. Nicht Jeder braucht die neuen supertollen Web-Spielzeuge. Aber von den Informationen, die das Internet bietet, ausgeschlossen zu sein, ist bitter. Und einer Demokratie unwürdig. Hier gibt es eine völlig unnötige digitale Spaltung der Gesellschaft.

Aber neben dieser fremdverschuldeten Spaltung gibt es noch eine, die im eigenen Kopf seine Ursache hat. Hier kann man von Kindern gründlich was lernen. Kinder sind sehr neugierig auf ihre Welt und wollen, im Sinne des Wortes, Alles begreifen. Hand anlegen - machen! Mit den Möglichkeiten spielen. Ob es Sinn macht oder nützlich ist, erfährt man erst, wenn man es macht. Und in dieser Neugier und diesem Spieltrieb haben viel zu viele Menschen beinahe jeden Alters ein viel zu großes Defizit. Viele glauben, sie hätten inzwischen Alles gelernt und wären irgendwie fertig. Das Gegenteil ist der Fall. So, wie jede beantwortete Frage duzende neuer Fragen aufwirft, so führt Alles, was wir lernen, was wir erfahren und was wir wissen, zu noch mehr offenen Fragen. Und eigentlich müsste das mit dem Lernen immer schneller und effizienter gehen, da ja immer mehr Erfahrung hinzukommt. Leider scheint in der Praxis eher das Gegenteil der Fall zu sein. Warum eigentlich?


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