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Die Subkultur der Parias

Fri, 27 Feb 2009 11:11:11 +0100

Ich stelle immer wieder fest, dass es sich lohnt, die Artikel von Roberto J. De Lapuente zu lesen. Unter dem Titel Ghettozucht hat er nun seine Gedanken zur gesellschaftlichen Entwicklung veröffentlicht.

Ich erinnere mich durchaus noch an die 68er, als eine Generation idealistischer Studenten versuchte, sich gegen den Muff von 1000 Jahren zu wehren und ihre Vorstellungen von dem, was Recht und gut ist, umzusetzen. Und ich erinnere mich sehr gut daran, wie sie nicht nur ausgegrenzt, sondern niedergeknüppelt wurden. Einige Wenige hatten das nötige dicke Fell, um es auf dem langen Marsch bis in die Politik zu schaffen. Ob das unbedingt die Besten waren?

Geschichte ist dazu verdammt, sich ständig zu wiederholen. Auch die Anti-Atomkraft Bewegung, die Natur- und Umweltschützer, und viele Andere wurden ignoriert, niedergemacht und/oder in ein gesellschaftliches Ghetto gesteckt. Die Mächtigen wollen ihre Macht weder teilen noch in Frage gestellt sehen. Wer es wagt, daran zu rütteln, bekommt die unangenehmen Konsequenzen zu spühren. So manch ein enttäuschter und frustrierter Idealist wird so zum Kriminellen.

Schäubles Versuche, nahezu die gesamte Bevölkerung zu Ghettoisieren durch einen generellen Terrorismusverdacht und immer mehr und immer schärfere Überwachungsmaßnamen sind in diesem Zusammenhang sehr interessant. Die zwangsläufige Entwicklung einiger weniger Ausgegrenzter zur Kriminalität kann so als von Schäuble bewusst provoziert gesehen werden. Nicht, dass ich eine aufgrund von Ausgrenzung eingeschlagene kriminelle Laufbahn als Recht oder richtig sehe. Es ist und bleibt falsch. Aber das macht das Vorgehen der Mächtigen nicht besser.

Wo gibt es noch Mächtige? Ach ja, die Spitzenverdiener. Und, wie inzwischen wohl Jeder weiss, haben wir eine Wirtschaftskrise. Und wer ist für diese Wirtschaftskrise verantwortlich? Genau die. Und wer wird nun berufen, nach Lösungen und Wegen aus der Wirtschaftskrise zu suchen? Auch wieder genau die. Alle, die vielleicht bessere Konzepte hätten, werden ausgegrenzt.

So weit, so schlecht. Anstatt eine gemeinsame Gesellschaft zu gestalten, wird die Gesellschaft gespalten in immer mehr und immer verfeindetere Ghettos. Und in allen Ghettos gibt es Einige, die aus Frust kriminell werden. Eine Zukunft in Krieg, Chaos und Leid ist gesichert.

Wie anders sieht das bei Christus aus. Und ich meine ihn hier persönlich, nicht die Kirchen, die nur behaupten, zu ihm zu gehören. Bei Christus ist jeder willkommen. Da wird Keiner ausgegrenzt. Jeder Paria aus jedem Ghetto ist willkommen, wird respektiert und geachtet. Und ja, es entwickelt sich ein Stolz darauf, zu genau diesem Ghetto zu gehören:

Man wendet sich voller Ekel ab und verwirft das Gesellschaftsbild, das manche Eltern versucht haben, einem einzubläuen – nämlich, dass man fleißig, zielstrebig und ehrlich sein muß, um vielleicht irgendwann einmal in den Kreis derer vorzustoßen, die derart bevorteilt leben, um zumindest aber einen Zipfel des üppig gedeckten Tischtuches zu erhaschen. Man will es gar nicht mehr, man will dieser Riege von Herrenmenschen nicht mehr zugehören – man wird stolz auf das eigene, auch wenn es wenig zu bieten hat, wenn es eigentlich kläglich ist.

Stimmt weitgehend. Mit zwei Unterschieden. Ehrlichkeit gehört zur Kultur Christi. Ein Christ ist ehrlich, nicht, weil er hofft, irgendwann einmal in den Kreis derer vorzustoßen, die derart bevorteilt leben, um zumindest aber einen Zipfel des üppig gedeckten Tischtuches zu erhaschen. Nein, sondern weil er weiss, dass er bei Christus nicht nur einen Zipfel des Tischtuches bekommt, sondern als willkommener Gast und Freund am Festmahl teilhaben darf. Und das zeigt auch schon den zweiten Unterschied: Das, was dieses "Ghetto" zu bieten hat, ist alles Andere als kläglich. Hier, nur hier liegt der wirklich wertvolle Reichtum. Ja, ich bin stolz darauf, Christ zu sein. Und nein, ich halte diesen Stolz nicht für Dummheit.

Allerdings zeigt Robertos Artikel auch sehr gut auf, warum zu Christus hauptsächlich die Parias der Gesellschaft finden. Diejenigen, die zu der bevorteilten Schicht gehören, haben alle Hände voll damit zu tun, ihren Status zu erhalten und sich gegenüber "Eindringlingen" abzuschotten. Da bleibt gar keine Zeit, darüber nachzudenken. Ich muss allerdings zugeben, dass ich hier unchristlich genug bin, das nicht all zu sehr zu bedauern.

Bedauern tue ich eher etwas Anderes. All Diejenigen, die ausgegrenzt werden, die nur den verzweifelten Kampf um einen winzigen Krümel vom Kuchen kennen, all die können sich gar nicht vorstellen, dass es auch anders geht. Dass man nicht nur diesen Krümel einfach so geschenkt bekommt, sondern dass man so viel geschenkt bekommt, wie man futtern kann, und noch viel mehr obendrauf. Das muss man sich nicht erkämpfen, man bekommt es einfach geschenkt. Das macht die Parias der anderen Ghettos misstrauisch. Man sucht nach einem Haken, und wenn man keinen findet, dann interpretiert man eben einen hinein. Ich kann dieses Misstrauen verstehen, die Lebenserfahrung lehrt ja schließlich nichts Anderes. Immer wurde man von den Herrschenden nur übervorteilt. Immer wurde man nur reingelegt. Alle Herrschenden haben nur Eines im Sinn: Den Erhalt ihrer Macht und die Abgrenzung gegenüber Eindringlingen. Doch Herrschaft im Sinne Christi ist anders. Ganz anders. Er sagte dazu selber einmal: Wer unter Euch der Erste sein will, der sei euer Aller Diener. Das ist Herrschaft, so wie Christus sie versteht. Er als der rechtmäßig Erste ist unser Aller Diener. Und das sind nicht nur hohle Worte, das hat er bewiesen. Er hat es durch sein Leben bewiesen, und durch seinen Tod. Das ist es, was Verantwortung wirklich bedeutet. Nicht so, wie es die sonstigen Herrscher handhaben. Dort heisst Verantwortung: So lange es gut geht, kassiert man dafür. Sobald es schief geht, bezahlen die Anderen dafür. Bei Christus ist das umgekehrt. So lange es gut geht, kassieren wir dafür. Und da wir Mist gebaut haben, zahlt er dafür.


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