Das ganz normale Chaos, täglich frisch auf den Tisch. Direkt aus der hintersten Provinz in die Metropolen von Groß-Blogistan.


Horrorschule

Sat, 14 Mar 2009 12:48:40 +0100

Der jüngste Amoklauf wirbelt viel Staub auf. Ich habe bislang Nichts dazu geschrieben, da mir dazu einfach die Worte fehlen. Dafür haben Andere die Worte gefunden.

So schreibt Roberto J. De Lapuente mir direkt aus der Seele, wenn er seine eigene Erfahrung mit unserem ach so tollen Bildungssystem schildert. Ich kann das nur all zu gut nachvollziehen, auch für mich war die Schule vom ersten Jahr an der Horror. Ich war schon immer und bin heute noch eher der Typ, der grundsätzlich versucht, ob egal was auch anders geht. Nicht, weil ich grundsätzlich alle vorgekauten Weisheiten als schlecht erachte. Es ist einfach so, dass ich erst dann Etwas verstanden habe, wenn ich die diversen Aspekte durch eigenes Probieren ausgelotet habe. Solch ein Vorgehen passt nun mal nicht in eine Bildungslandschaft, in der es ausschließlich auf das unreflektierte Ansammeln und rechtzeitige Wiedergeben von reinem Faktenwissen ankommt. Ich kann mich noch gut an meine Abiturprüfung in Geschichte erinnern. Die Frage war damals: Wie kam es zum zweiten Weltkrieg. Ich habe damals darüber referiert, wie die Wirtschaftskrise, der verlorene Krieg, die Reparaturzahlungen und eine rückwärtsgewandte und unsicher lavierende Regierung das Vertrauen der Menschen zerstörte, und wie aus Verzweiflung über das eigene Schicksal nur all zu Viele bereit waren, Allem zu glauben, das irgendeinen Schuldigen für die Misere präsentieren konnte. Ich habe dafür eine 5 bekommen. Erst Jahre später habe ich rausgefunden, dass man von mir hören wollte, dass der Überfall Deutschlands auf Polen der Grund für den zweiten Weltkrieg war.

Bei DerWesten geht man einem anderen Aspekt dieses Phänomens nach. Es sind fast nur Jungs, die zum Problem werden. Das kann ich nachvollziehen. Bei obiger Fragestellung würden Mädchen gar nicht erst auf die Idee kommen, irgendwelche Zusammenhänge zu durchdenken, die für den Schulbetrieb und vor Allem für die Prüfung irrelevant waren. Ein Mädchen hätte gewusst, was der Lehrer hören will, und hätte dem entsprochen. Mädchen wird von klein auf Anpassung und Unterordnung beigebracht. Und nur mit diesen Eigenschaften bekommt man in der Schule Anerkennung in Form von guten Noten. Nichtanpassung und Opposition wird in unserem Bildungssystem gnadenlos bestraft. So bestraft, dass Alle glauben, der so Bestrafte sei ein Versager. Und gerade Kinder glauben das dann sehr schnell auch von sich selber. Das kann durchaus zu der fatalen Mischung aus Sinnlosigkeit wegen Totalversagen und Hass auf Alle führen. Und so greift ein Junge dann auch schon mal zur Waffe, um der Welt zu zeigen, dass er wenigstens ein mal im Leben nicht versagt. Ein einziges Mal hat er Allen gezeigt, dass er nicht ein verachtenswerter psychisch labiler Versager ist, sondern Jemand mit Stärke und dem Willen, das Nötige zu tun. Sicher ist das falsch und beweist eigentlich das letztendliche Totalversagen. Aber zu dieser Erkenntnis braucht es persönliche Reife. Nicht ein Haufen meist unnützes Wissen, sondern eine gereifte Persönlichkeit. Und genau diese Reife wird den Kindern vorenthalten.

Hanno Zulla zeigt in seiner bitterbösen Satire, wie unsere Gesellschaft mit Andersartigen umgeht. Das ist im Grunde nicht viel anders als im Mittelalter, wo auf dem Jahrmarkt die "Dame ohne Unterleib" als Sensation ausgestellt wurde. Der heutige Jahrmarkt heisst Fernsehen und/oder Nachrichten, aber es ist nichts Anderes. Auch das Publikum hat sich nicht geändert, noch immer findet man solche Sensationen entweder "geil", oder man kann sich im Vergleich mit solch abgrundtiefer Schlechtigkeit so richtig als Saubermann fühlen. Dabei schimpfen die alten "Experten" über eine gewalttätige Jugendkultur, sie sie einerseits nicht verstehen und nicht verstehen wollen, und andererseits ignorieren sie dabei ihre eigene Jugendkultur, die zum zweiten Weltkrieg geführt hat. Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.


5 Kommentare

  1. Erschüttert

    Mon, 16 Mar 2009 08:52:13 +0100

    Trackback
  2. Mon, 16 Mar 2009 09:05:51 +0100

    Mehr Links. Insbesondere interessant finde ich den Beitrag bei Oldblog, in der der Zusammenhang zwischen Egoshootern und Amoklauf genau umgedreht wird.
  3. Mon, 16 Mar 2009 09:24:36 +0100

    Und noch einen ganz anderen Zusammenhang:
  4. Mon, 16 Mar 2009 10:01:07 +0100

    Noch Einer:
  5. Mon, 16 Mar 2009 10:11:24 +0100

    Der Held von Winnenden.