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Iran 2

Tue, 23 Jun 2009 10:55:10 +0200

Anscheinend ist eine massive Wahlmanipulation im Iran doch nachweisbar. Das ist interessant. Ich hätte nicht gedacht, dass Wahlfälscher so plump vorgehen würden. Aber es sieht ganz danach aus.

Aber so ganz am Rande dieser Katastrophe geht mir noch Etwas durch den Kopf, wenn ich die Berichterstattung darüber lese oder höre: Die alte Diskussion um Internet (Blogs, Twitter, YouTube) gegen klassischen Journalismus. Wie das, was zur Zeit im Iran geschieht zeigt, geht das Eine nicht ohne das Andere.

Auf der einen Seite sind da die klassischen Medien mit sorgfältig recherchierenden Journalisten. Da bekommt man Informationen, denen man normalerweise weitgehend trauen kann. Doch Journalisten werden in ihrer Arbeit dort massiv behindert. Die Journalisten bekommen Hausarrest oder werden gleich des Landes verwiesen. Oder, wie auch noch nicht all zu lange her, im Fall einer Journalistin mit iranischer und US Staatsbürgerschaft, ins Gefängnis gesteckt. Ein Spionagevorwurf ist ja schnell erhoben. Klassischer Journalismus versagt hier offenbar. Klassischer Journalismus ist zu leicht zu unterdrücken und zu kontrollieren.

Auf der anderen Seite das Internet. Die Informationen, die man zur Zeit aus dem Iran bekommt, stammen im Wesentlichen von Twitter, YouTube, Facebook und diversen Blogs. Dieser Informationsfluss ist kaum zu bremsen oder zu kontrollieren. Selbst durch die geballte Staatsmacht, durch massiven Einsatz von Polizei. Militär, Geheimdienst und paramilitärischen Schlägertrupps ist dieser Informationsfluss nicht zu bremsen oder zu kontrollieren. Dennoch: Ist dies deshalb die Nachrichtenquelle der Zukunft? Eher nein. Niemand weiss, inwieweit man den Informationen trauen kann. Diese Informationen sind alle subjektiv und daher durch die subjektive Sicht des Informierenden gefärbt (manipuliert?). Dabei kann die Intention dahinter sehr ehrenhaft sein, aber auch dr reinen Propaganda dienen. Die Opposition könnte solche Informationen lancieren, um ihre eigene Position zu stärken. Die Regierung könnte solche Informationen lancieren, um diese dann als Fälschung zu "entlarven" und damit die Opposition zu diskreditieren. Und wer weiss, welche Interessen sonst noch dahinter stecken. Genauso wenig, wie der Informationsfluss als solcher kontrollierbar ist, ist auch die Glaubwürdigkeit und Objektivität der Informationen kontrollierbar oder prüfbar.

Dennoch sind diese Informationen das Einzige, was traditionelle Journalisten haben. So gesehen ist der aktuelle Machtkampf im Iran ein Musterbeispiel dafür, wie moderne Informationsquellen und klassischer Journalismus produktiv zusammenarbeiten können. Beide sollten daraus lernen und sich gegenseitig respektieren. Und selbst, wenn journalistische Recherche nicht behindert wird, sind die Quellen im Internet immer noch eine gute und nützliche Quelle für journalistische Recherche. Eine Quelle, die so gut oder so schlecht ist wie jede andere auch. Eine Quelle, die in ihrer Vielseitigkeit ein oft viel Facettenreicheres Bild einer Gesellschaft abgibt, als Interviews von ein paar Prominenten.


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