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Leere Lehrer

Mon, 23 Feb 2009 14:44:01 +0100

Lehrermangel an Deutschen Schulen. Schon komisch, vor noch gar nicht so langer Zeit hatten wir mal eine Lehrerschwemme. Wie sich die Zeiten ändern.

Unter Anderem wird jetzt gefordert, dass angehende Lehrer selber als Schüler einen gewissen Mindest-Notendurchschnitt gehabt haben sollen. Ein Numerus Clausus für angehende Lehrer:

Der CDU-Landesvorstand aus Baden-Württemberg, Thomas Volk, fordert, dass angehende Lehrer mindestens eine Abi-Durchschnittsnote von 2,0 haben sollten. Es kann nicht sein, dass viele eher schlechte Abiturienten unseren Nachwuchs unterrichten, sagte Volk.

Ganz und gar falsche Schlussfolgerung. Sicher, folgendes ist auch wahr und sollte bedacht werden:

Es gebe "keine Hürde" für den Beruf und oft sei die Wahl nur "Plan B oder C", sagte die Geschäftsführerin des Zentrums für Lehrerbildung an der Universität Trier, Birgit Weyand. Es könne nicht sein, dass diejenigen, die die Aufnahmeprüfung für eine Banklehre nicht schafften, Lehrer würden.

Ah ja. Warum ist das so, dass Lehrer ihren "Beruf" nur als zweite Wahl sehen? Doch wohl hauptsächlich aufgrund der schlechten Bezahlung sowie des schlechten gesellschaftlichen Ansehens der Lehrer. Das war früher mal Anders. Damals kam der Lehrer gleich nach dem Pfarrer, und der gleich nach dem Bürgermeister. Damals war ein Lehrer noch wer. Heute ist ein Lehrer eine arme Sau, die es nicht zu mehr gebracht hat, und von allen Seiten, vom Staat, vom Rektor, von den Schülern und von den Eltern drangsaliert wird. Und da wundert man sich, dass Lehrer ausgebrannt sind? Dass sie ihren Beruf nicht als Berufung, sondern als Notnagel begreifen? Hier ist die Politik und die Gesellschaft als Ganzes gefordert.

Doch zurück zum Notendurchschnitt. Ich behaupte mal, die besseren Lehrer werden eher die mit schlechten Schulnoten. Möglicherweise durchaus solche mit Vieren und Fünfen. Warum? Nun, diese Menschen wissen aus ganz eigener persönlicher Erfahrung, dass Lernen nicht für jeden so funktioniert, wie sich das irgendwelche Bürokraten vorstellen. Jeder Mensch lernt ganz individuell. Wer das an sich selber erfahren hat, ist sehr wahrscheinlich eher in der Lage, Verständnis für Schüler zu entwickeln und jeden Schüler individuell zu zu nehmen und zu fördern, wie es dieser Schüler braucht. Wer als Schüler selber zufällig genau in das Schema gepasst hat und niemals selber die Schwierigkeiten erlebt hat, die eine abweichende Persönlichkeitsstruktur so mit sich bringt, der wird niemals in der Lage sein, Schüler mit einer solchen abweichenden Persönlichkeitsstruktur zu unterrichten. Kann er gar nicht. Hat er niemals gelernt.

Aus dem gleichen Grund ist es auch Blödsinn, zu erwarten, dass Ingenieure die Lücken in den Schulen schließen. Es mag unter den Ingenieuren durchaus den einen oder anderen guten oder sogar hervorragende Lehrer geben. Und Fachwissen haben sie alle mit Sicherheit. Doch darum geht es nicht. Es geht darum, Kinder auszubilden. Und das stellt komplett andere Anforderungen als der Ingenieursberuf. Witzigerweise sind die offiziellen Anforderungen an angehende Lehrer die gleichen wie an angehende Ingenieure: Erstens Fachwissen, zweitens Fachwissen, drittens Fachwissen. Pädagogik kommt bei Lehrern zwar vor, rangiert aber ganz ganz weit hinten in der Priorität. Dabei sollte es genau umgekehrt sein. Fachwissen ist für einen Lehrer eher von marginaler Bedeutung. Gerade heute in Zeiten des Internet und des rasanten technischen Wandels ist das überragende Fachwissen für Lehrer a) eine Utopie und b) reiner Blödsinn. Ein Lehrer sollte nicht eine zweibeinige Wissens-Vorschwafelmaschine sein, sondern ein Begleiter und Mentor auf dem Weg ins Leben. Kinder können sich das notwendige Wissen sehr gut selber aneignen. Sie brauchen nur Anleitung und Motivation dazu. Beides könnte ein Lehrer leisten, der sogar absolut gar kein Fachwissen hat. Die Schnapsidee der CDU, aufgrund der Lehrer-Problematik von den Lehrern noch mehr Fachwissen zu verlangen, ist ein Schuss, der nach hinten losgeht. Und auch die Fähigkeit der Lehrer, sich besser anpassen zu können, ist eher kontraproduktiv. Nicht der, der sich immer schön angepasst hat, ist für diesen Beruf geeignet, sondern der, der selber die Schwierigkeiten einer Nichtanpassung erlebt hat und kennt.

Nötig wäre folgendes:

  1. Deutlich bessere Bezahlung der Lehrer.
  2. Eine deutliche Stärkung der Lehrer gegenüber Eltern wie auch Kultusministerium.
  3. Eine sorgfältigere Auswahl. Nicht nach Noten, sondern nach persönlicher Eignung.

Ach ja, und Schüler danach zu bewerten, was die Industrie gerade benötigt oder nicht benötigt, ist ja wohl der Hohn schlechthin. Einem Schüler schlechtere Noten zu geben, nur, damit der von der Industrie geforderte Notendurchschnitt erreicht wird, ist Menschenunwürdig. Und es demotiviert die Kinder. Was wir hier in Deutschland herangezogen haben, ist eine graue Masse an Erfüllungsgehilfen der Großindustrie und ein paar anpassungsfähige Karrieristen. Und damit soll Deutschland an der Weltspitze bleiben? Nie und nimmer!


2 Kommentare

  1. Author: Charisma

    Lass' Deine brandstifterischen Ansätze bloß das Kultusministerium nicht hören grins - Manni hat auch schon geseufzt über diese Entwicklung. Und bei der Bezahlung der Lehrer muss man beachten, daß sie schon lange keine Lohnerhöhung bekommen haben und damit real eine Schmälerung ihres Gehaltes (bei wie immer steigenden Preisen) einstecken müssen ... "Pädagogik kommt bei Lehrern zwar vor, rangiert aber ganz ganz weit hinten in der Priorität.  Dabei sollte es genau umgekehrt sein."

    Volle Zustimmung meinerseits! Leider war es schon in Mannis Ausbildung ein eher untergeordnetes Fach, auch Schwafelstunde genannt ... Ich denke, mit Menschen, insbesondere jungen (noch pubertierenden) Schülern, richtig umzugehen ist eine äußerst schwierige Angelegenheit, wie unsere eigene Erfahrung zeigt. Wer hatte schon richtig gute Pädagogen? Den einen oder anderen Lieblingslehrer, ja, aber wirklich geschulte Pädagogen? Ich glaube, die konnte und kann man wie die Nadel im Heuhaufen suchen ... Manche Lehrer gleichen eher dem Elefant im Porzellanladen. Dazu ein Beispiel aus der Klasse eines (nicht benannten) Teens: Schüler: "ich habe die Frage nicht verstanden, können Sie die mir mal erklären?" Lehrer: "das wundert mich nicht, denn Deine Pickel haben schon die Gehörgänge verstopft. Du solltest schnellstens zum Arzt mit Deiner Akne ... " Und das im Unterricht vor versammelter Mannschaft! Danke, Herr Lehrer, für ihre Feinfühligkeit ... 

    Ich könnte noch stundenlang über dieses Thema palavern, aber ändern wird das auch nichts. Deine drei Punkte sind wohl reine Utopie, bzw. ich werde das nicht mehr erleben. Deshalbe danke ich Dir für Deine Kommentare in meinem Blog und lobe Deine Hartnäckigkeit, was diese Captchas angeht. Ich weiß zwar mit No-Squint gar nix anzufangen, aber Du weißt ja, daß mein zweiter Name 'technische Kaulquappe' ist ...

    Herzliche Grüße und iß den Teller auf, damit wir endlich besseres Wetter bekommen ... Christa v. Charisma

  2. Geht nicht (das mit dem Teller aufessen). Der ist zu hart für meine Zähne. Ausserdem sind Teller nicht besonders nahrhaft und liegen nur schwer im Magen.

    Ansonsten: Ja, ich könnte auch stundenlang so Geschichten erzählen, meine eigene Schulzeit betreffend. Ich lass es lieber, es würde sonst die Laune verderben.

    NoSquint ist eine Extension für den Firefox. Die merkt sich für jede Site, um wie viel ich da den Text vergrößert habe. Wenn ich die Site mal wieder besuche, vergrößert mir NoSquint den Text automatisch wieder, ohne dass ich da manuell tätig werden muss. Ist echt praktisch, wenn man große Schriften braucht, die einem von den "Webdesignern" nicht gegönnt werden.