Das ganz normale Chaos, täglich frisch auf den Tisch. Direkt aus der hintersten Provinz in die Metropolen von Groß-Blogistan.


Selbsterkenntnis

Wed, 09 Sep 2009 10:18:29 +0200

Ein erstaunlicher Artikel von Robert Scheer in der Huffington Post: 9/11 nüchtern betrachtet. Da rechnet Jemand mit der eigenen Nation und ihrer Überheblichkeit ab. Wegen ungefähr 3000 Toten bei diesem terroranschlag glauben die USA, ihre Bomben und Kanonen in der ganzen Welt einsetzen zu dürfen oder zu müssen. Der "heilige Krieg" sozusagen. Und Scheer hält dem andere Zahlen entgegen. Zum Beispiel die 6 Millionen Juden, die durch die Nazis umgebracht wurden. Und, ist Israel seitdem zur Vergeltung hier einmarschiert und bombardiert Hochzeiten? Eher nicht. Oder 3.4 Millionen Vietnamesen, die unter der Verantwortung der USA und McNamara umgebracht wurden. Hauptsächlich Reisbauern. Danach hätte Vietnam wohl allen Grund, in die USA einzumarschieren. Hiroshima und Nagasaki, deren Bombardierung fast nur Zivilisten tötete, und zwar so gründlich, dass Nichts von ihnen übrig blieb. Gut, Japan bekämpft die USA seitdem, aber mit den richtigen Mitteln, mit Videorecordern, Fernsehern, Autoreifen und Dergleichen. Nicht mit Bomben und Terror.

In einem irrt sich Sheer allerdings. Er ist eben auch nur ein Mensch. Und er ist US-Amerikaner. Er behauptet, dass die USA in ihrer Geschichte niemals eine Besatzung erleben mussten. Ich behaupte mal, die USA sind seit kurz nach der Mayflower bis zum heutigen Tag besetzt. Den rechtmäßigen Besitzern wurde das Land durch Gewalt und Betrug weggenommen. Und die Nachfahren dieser Betrüger und Mörder sitzen noch immer auf diesem unrechtmäßig angeeigneten Land. Wenn das keine Besatzung ist, was dann?

Ich will den Terror genausowenig beschönigen oder gar rechtfertigen wie Scheer. Terror ist ein teuflisches Verbrechen. Da gibt es Nichts dran zu deuten oder zu relativieren. Dass andererseits US-Bürger in der Lage sind, ihre eigene Verstrickung in Schuld und Gewalt zu erkennen, das gibt Anlass zur Hoffnung. Erst diese Selbsterkenntnis liefert die Basis und die Chance für eine Änderung. Änderung – das hat Obama ja versprochen. Es muss sich sehr viel ändern. Sehr viel. Wäre schön, wenn es klappt.

Gerade Deutschland hat den USA viele schwere Hypotheken hinterlassen. Den urdeutschen Hurra-Patriotismus zum Beispiel. Amerika, Amerika… skandieren sie und meinen gar nicht Amerika, sondern nur die USA. Amerika ist nicht USA, und die USA sind nicht Amerika. Die USA sind ein Teil von Amerika. Länder wie Mexico, Chile, Canada gehören genauso zu Amerika. Die USA sind nicht der Nabel der Welt. Das Erkennen der eigenen Relativität wäre ein erster Schritt zu einem Einfügen in die Gemeinschaft. Bislang betrachten sich die US-Amerikaner als absolute Referenz. Sozusagen als Gottes Geschenk an die Menschheit. Weil Gott die Welt verlassen hat, hat er uns die US-Amerikaner als würdigen Ersatz da gelassen. Dass eine solche Einstellung die nicht-US-Amerikaner auf die Palme bringt, ist verständlich.

Ich wünsche mir, dass es viel mehr US-Amerikaner wie Robert Sheer gibt, die ihren Teil der Schuld erkennen und akzeptieren, und die erkennen, dass sie genauso Menschen sind wie jeder Andere auch, und die erkennen, dass sie einfach nur ein Teil der menschlichen Gemeinschaft sind. Nicht mehr und nicht weniger als jeder Andere auch. Von einem Land wie den USA erwarte ich Sowas eigentlich. Von den islamischen Terroristen kann man Sowas wohl leider nicht erwarten, die sind unfähig dazu.


0 Kommentare