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Authentisch gefahren

Sat, 04 Dec 2010 11:03:53 +0100

Neulich beim Autofahren habe ich auszugsweise einen interessanten Vortrag in HR2 gehört: authentisch sein. Dieser Begriff ist ja heute fast schon ein Modewort. Die Meisten versuchen, authentisch zu sein, und lassen zum Beweis ihrer Authentizität die Sau raus. Und da geht der Schuss nach hinten los: Anstatt so zu sein, wie sie wirklich sind, zeigen sie sich so, wie die nach Authentizität gierende Welt meint, dass sie zu sein haben. Also vorgetäuschte Authentizität als Merkmal einer Fremdbestimmung. Das genaue Gegenteil von Authentizität.

Eine interessante Frage tauchte während des Vortrags auf: Wann sind wir authentisch? Es lohnt sich, anhand des Vortrags dieser Frage nachzugehen. Allerdings bin ich mit dem, was da raus kommt, nicht einverstanden.

Der gängige Authentizitätsbegriff geht davon aus, dass wir unsere Emotionen frei und offen ausleben. Das klingt in unserer durch Ratio geprägten Welt zunächst gut und wünschenswert. Aber erstens ist das einseitig, und wird damit der Realität nicht gerecht, und zweitens führt das unkontrollierte Ausleben jedweder Emotionen nur zu einem schwachen, getriebenen Charakter.

Emotionen und Ratio (das logisch-vernünftige analytische Denken) sind keineswegs Gegner. Beide Teile des Wesens brauchen einander und ergänzen einander. Und vor Allem: Beide prägen einander. Unsere Gefühle prägen und beeinflussen unser Denken. Das ist nicht weiter neu, und wird fälschlicherweise oft als negativ und nicht wünschenswert betrachtet. Aber auch umgekehrt funktioniert es: Unser Denken beeinflusst und prägt auch unsere Gefühle. Gefühle können (und müssen) genauso trainiert werden wie der Körper (und wie das Denken).

Um unsere Gefühle zu trainieren, können wir unser Denken einsetzen. Das geht am intensivsten, indem wir auf das achten, was wir reden. Durch Reden wird unser Denken konkretisiert. Das, was wir reden, prägt u.A. auch unsere Gefühle. Wenn wir also z.B. aggressive Formulierungen wählen, wird unsere Gefühlswelt aggressiver. Wir können unsere Gefühle zwar nicht direkt steuern, aber indirekt durch unser Denken, Reden und Handeln beeinflussen und trainieren.

Besonders schön kurz und knapp wurde das mal im Film Total Recall formuliert: Ein Mann definiert sich durch seine Taten. Diese Lebensweise hat Nichts mit mangelnder Authentizität zu tun, im Gegenteil! Dieser Dualismus zum gegenseitigen Vorteil von Ratio und Emotio trainiert und bildet Authentizität. Das Denken zusammen mit dem bewussten Umgang (nicht Unterdrückung!) mit den Gefühlen fördert und bildet Gefühle. Diese wiederum fördern und prägen das Denken. Also nicht wie Spock bei Raumschiff Enterprise, und nicht als rein gefülsgesteuerter unbeherrschter Hampelmann, sondern Denken und Gefühle zum beiderseitigen Vorteil nutzen und ausbilden, das ist die Basis von Authentizität.


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