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Denkste

Fri, 08 Jan 2010 18:37:57 +0100

Verändert das Internet unser Denken? Und wenn ja, wie? Dieser Frage geht man bei edge.org nach. Und in der FAZ übersetzt und kommentiert man.

Ich denke schon, dass das Internet das Denken verändert. So wie jede Errungenschaft das Denken verändert hat. Die Erfindung der Schrift hat das Denken massiv verändert. Das Internet verändert wohl nicht so massiv, aber auch hier sind Veränderungen sehr wahrscheinlich.

Allerdings dürften diese Denkveränderungen individuell unterschiedlich ausfallen, je nachdem, ob man im Internet aktiv oder passiv ist. Über diesen Gedanken habe ich hier ja schon öfter geschrieben: Wer seine Gedanken ausformuliert, der denkt konkreter und nachhaltiger. Das ist der Grund, warum ich blogge. Ich formuliere meine Gedanken. Damit mache ich sie für mich konkreter und ausbaufähiger. Ich blogge also hauptsächlich für mich selbst. Ich vermute mal, dass dieser Effekt, gewollt oder nicht, auch bei allen Anderen, die im Netz aktiv sind, auftritt. Diese Art der Veränderung ist durchweg positiv. Wer allerdings rein passiv im Internet unterwegs ist, verpasst diese Chance.

Ein anderer Aspekt der Veränderung durch das Internet (oder vielleicht besser ganz allgemein durch die technologische Weiterentwicklung) fällt mir auch schon seit Jahren auf:

Der Computerpionier Daniel Hillis beschreibt, wie selbst ein so simpler Vorgang wie die Programmierung der Uhrzeit über vernetzte Computer heute von vielen Programmierern kaum noch verstanden wird. Und er folgert, mit Blick auf Klimawandel und Finanzkrise: Unsere Maschinen sind Verkörperungen unserer Vernunft, und wir haben ihnen eine Vielzahl unserer Entscheidungen übertragen. In diesem Prozess haben wir eine Welt geschaffen, die jenseits unseres Verstehens liegt. Fachleute diskutieren nicht mehr über Daten, sondern darüber, was die Computer aufgrund der Daten vorhersagen.

Ich kann hier insofern mitreden, als dass ich diese Entwicklung seit vielen Jahren selber erlebe. Ich habe mit Computern angefangen zu Zeiten der Lochkarte und befasse mich mit HTML seit der Version 2.0. Mir sind viele technische Details vertraut, die heute Niemanden mehr interessieren. Das ist einerseits notwendig und folgerichtig, weil die gesamte Komplexität heute Niemand mehr überblicken kann, andererseits birgt dieser zunehmende Abstand zu den Grundlagen aber auch gefahren.

Kürzlich habe ich ja mein Studium wieder aufgenommen. Dort habe ich unter Anderem Vorlesungen in "Netze". Dort lernen wir Dinge, die ich durchaus wichtig finde, die aber heute kaum noch Jemanden interessieren dürften. Ein Netzwerkadmin von heute muss wissen, dass es da irgendwo ein Gerät gibt, das die Netzwerkkonfiguration aller angeschlossenen Rechner automatisch vornimmt. Und wenn Irgendwas nicht funktioniert, dann liegt es an diesem Gerät. Sowas nennt man Abstraktion. Wenn der Netzwerkadmin historisch interessiert oder nostalgisch veranlagt ist, dann weiss er vielleicht sogar, dass man dieses Gerät einen DHCP-Server nennt. Wir lernen sogar, was Multiplexing ist. Und hier fragen sich bestimmt die Netzwerkspezialisten von heute, was das ist, und was das denn bitteschön mit Netzwerken zu tun hat. Einerseits berechtigt. Andererseits geht interessantes und vielleicht nützliches Grundlagenwissen verloren. Werden wir langsam abhängig von Etwas, das wir nicht mehr verstehen? Für Otto Normalverbraucher trifft das sicher zu, aber wie steht es mit den Fachleuten?

Das Gros der Fachleute, die heute gebraucht werden, braucht sicher kein solch exotisches und/oder antiquiertes Wissen. Aber ein paar wenige Spezialisten wird man wohl immer brauchen. Heutige Softwareentwickler klicken und malen sich ihre Produkte zusammen. Ist ja auch nicht verkehrt, denn das spart Zeit und vermeidet Fehler. Aber es bewirkt auch eine Standardisierung der Software, die so weit geht, dass Spezialaufgaben unlösbar werden. Denn was mit diesen klick- und mal-Werkzeugen nicht geht, das ist eben nicht produzierbar. Ich habe noch Erfahrung in der Programmierung in Hexcode, samt der manuellen Berechnung der Sprungziele. Wer braucht dieses Wissen heute noch? Praktisch Niemand. Aber geht damit nicht das Wissen um das verloren, was die heutige Zeit im Innersten zusammenhält?


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